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Die
persönlichen Reflektionen einer Journalistin und Therapeutin
über ihre Vergangenheit als aufmüpfige, linke und
feministische junge Frau und die Folgen dieses
Emanzipationskampfes: auf der positiven Seite mehr
Gleichberechtigung, größere Freiheiten, starke Präsenz in
der Öffentlichkeit, auf der negativen Seite viel Leid in den
Beziehungen, die Aussonderung der Väter aus den Familien und
in der Generation der 30-Jährigen viele devote, verängstigte
Männer, die stumm leiden. Astrid von Friesen geht der Frage
nach: Was haben wir Frauen falsch gemacht, wie ist es zu
dieser Verunsicherung der Männer und zu der nörgelnden
Unzufriedenheit vieler Frauen gekommen und was können wir
für eine Emanzipation beider Geschlechter tun. |
Der Feminismus und seine Folgen: Devote
Männer und zickige Frauen.
1972 las ich zu Abiturszeiten
Simone de Beauvoirs großes Werk über die Männer- und Frauengeschichte:
„Das andere Geschlecht“. Man stelle sich vor: Nur das Lesen dieses
Buches war damals ein Skandal, durfte nicht offenbart werden!
Mit dem sich anschließenden
Studium in Hamburg begann eine unglaublich aufregende, harte Zeit,
nämlich die unendlichen Diskussionen über das Männerfrauenthema. Es hat
uns liberale, linke, aufmüpfige junge Frauen vollständig beherrscht,
quasi Tag und Nacht. 15 Jahre lang las ich nahezu ausschließlich
Frauenliteratur! Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied“ kam 1975
heraus: Mit der Wirkung einer Explosion.
Gleichzeitig erschien Elena
Belottis Standartwerk im pädagogischen Bereich: „Was geschieht mit
kleinen Mädchen?“ Ihre These: Wir werden nicht als schwache Frauen
geboren, sondern erst durch die Gesellschaft zu Frauen ohne
Selbstbewusstsein gemacht. Schon vorgeburtlich fange das an, wenn es im
Volksmund heißt: Schwangere werden schöner, wenn sie einen männlichen
Embryo in sich tragen und ihnen ist in den ersten Monaten besonders
übel, wenn es ein Mädchen wird.
Belotti öffnete uns für 1000
alltägliche Kleinigkeiten die Augen, in denen Mädchen diskriminiert
werden. Natürlich erkannten wir uns alle darin wieder, denn in dieser
Situation der ständigen Bevorzugung der Jungen waren wir aufgewachsen:
Beim Abwasch zu Hause, bei der Aufmerksamkeit durch die Mütter, die
Jungs sehr viel länger stillten, und durch die Väter, die sich mehr um
sie kümmerten: Sie durften lesen, die Töchter mußten putzen, sie durften
eher ins Gymnasium, für die Töchter langte die Mittelschule.
Eine Tante weinte jedesmal
tagelang, wenn in der Verwandtschaft ein Sohn geboren wurde, da sie
keinen bekommen hatte.
Ich habe noch drei Schwestern,
und wie ein traumatische Melodie zieht sich durch meine Biographie der
Satz: „Oh Gott, Deine armen Eltern mit vier Töchtern!“ Man stelle sich
vor: Ihnen wurde regelrecht kondoliert zu diesem traurigen Umstand das
ich auf der Welt war so wie ich bin!
In den heißen Phasen unserer
Emanzipation betrachteten wir die Männer als unsere natürlichen Feinde!
Vergewaltigungen, Gewalt in den Familien wurden erst damals zu
öffentlichen Themen. Wir zerrten diese Ungeheuerlichkeiten an die
Öffentlichkeit. So auch der große Coup des „STERN“, als hunderte von
prominenten Frauen öffentlich bekannt machten, dass sie abgetrieben
hätten. Darauf stand noch Strafe. – Auch ich hatte immer, trotz des
geringen Bafög-Satzes von 350 DM, eine eiserne Reserve von rund 1000 DM
auf dem Konto für eine evtl. notwendige Abtreibung von Irgendjemandem.
Das hätte nämlich bedeutet: Ein heimliche Fahrt nach Holland,
Hotelkosten, Arztkosten, Einsamkeit und Illegalität. Ganz zu schweigen
von der grauenhaften Vorstellung, die eigenen Eltern würden es
mitbekommen. Das wäre wie eine emotionale Höllenfahrt geworden!
Ich war zunächst in einer
Selbsterfahrungsgruppe, die damals in verschiedenen Varianten bei
Studenten en vogue waren: Dort wurde über Gefühle gesprochen. Oftmals
erstmalig. Heute können wir uns das gar nicht vorstellen bei dem ewigen
Gequassel über Gefühlsdinge, wie groß die Hemmungen waren, wie völlig
chaotisch die Gruppen abliefen. Wir hatten nämlich den Anspruch
immer alles rauszulassen. Um jeden Preis! So wie wir Sigmund Freud,
Wilhelm Reich, Alexander Lowen mit seinen brachialen
Körpertherapiemethoden oder Artur Janov mit seiner Urschreitherapie
verstanden: Gefühle zu unterdrücken ist schädlich, Gefühle müssen raus!
Meine Güte, wie viel Porzellan ist dabei verschlagen worden! Denn im
Sprechen über Gefühlsdinge befanden wir uns auf der Stufe von wilden
Kindern, unzivilisiert und rechthaberisch. Ich fühle, also bin ich! Die
Moral konnten wir jedoch nicht heraushalten, denn wir unterschieden
streng nach richtigen und falschen Gefühlen! Klar, die richtigen hatten
wir Frauen. Wehe dem Mann, der anderes sich zu fühlen getraute!
Doch die meisten gingen
anschließend nach Hause und versuchten mit dem Liebsten zusammenzuleben.
Wir hatten ja ganz normale emotionale Bedürfnisse nach Geborgenheit,
Zuwendung und Sexualität. Wie haben wir das bloß geschafft, sozusagen
tagsüber und öffentlich alle Männer abzulehnen und zu Hause mit ihnen zu
leben? Wir suchten Liebe, aber waren überzeugt von dem Credo “Der Feind
liegt in unserem Bett“! Also begannen wir auch dort zu diskutieren,
heiß, unerbittlich, nicht selten verbittert. Es ging um die ernsthafte
Frage, ob Staubsaugen unmännlich sei. Es ging um den Kampf, dass die
Männer das Putzen, Kochen und Windelwechseln zu 50% übernehmen. Es
war hart!
Eigentlich mußten wir uns
spalten: In eine öffentliche und eine private Person. Etliche der
berühmten Feministinnen haben es verheimlicht, dass sie keineswegs
lesbisch waren, sondern nachts zum Feind überliefen. Zumal wir in
Westdeutschland von nichtberufstätigen Müttern zu einer romantischen
Liebesheirat in Weiß erzogen worden waren, denen die Vorstellung, dass
ihre Töchter nicht mehr Jungfrauen seien, schlaflose Nächte bereiteten.
Also ein Leben in extremer Spannung in uns selbst und mit dem männlichen
Rest der Welt.
Auf der anderen Seite das
beschwingende Gefühl, an einer wichtigen Bewegung mitzuwirken, denn wir
leisteten mit unserem Engagement für mehr Frauenrechte, bessere
Bezahlung, Selbstbestimmung in der Abtreibungsfrage extrem wichtige
gesellschaftliche Aufklärungsarbeit.
Das alles hat natürlich auch die
Männer geprägt. Viele veränderten sich, wurden weicher, gingen offener
mit ihren Gefühlen um, nahmen sich der Kinder stärker an. Doch
spätestens mit den 80er Jahren zeigten sich auch die negativen Folgen.
Viele Männer waren frauenbefreiungsgeschädigt, d.h. zutiefst
verunsichert, nicht selten devot und entleert. Weiblichkeit war alles,
Frauen hatten die Gefühlshoheit im emotionalen Bereich erobert, nach dem
Motto: Was Frau fühlt ist richtig. Punkt, Basta, Schluß!
Einige Männer wurden daraufhin
superfeministisch! Einer meiner Kommilitonen, ein Jurist, trug ein
T-Shirt mit der Aufschrift: „Ich hasse Penisse!“, weil das Penetrieren
ein repressiver Akt barbarischer Unterdrückung sei! Er versuchte anhand
von homosexuellen Pornozeitschriften schwul zu werden. Ein interessantes
Experiment. Funktioniert hat es nicht.
Superfeministisch sind bis heute
offenbar viele männliche Sozialarbeiter und Familienrichter
geblieben. Wie sich bei unzähligen Sorgerechtsverfahren nach den
Scheidungen zeigt: Männliche Sozialarbeiter halten eher zu Frauen,
Mütter gelten als heilig. Fast naturmythisch: Mütter haben immer recht!
Diese männlichen Feministen unterstützen viel seltener Männer und die
Menschenrechte der Kinder auf Kontakt zu ihren leiblichen Vätern! Fatal
für nunmehr mehrere Kindergenerationen!
Außer diesen Superfeministen war
wohl die Mehrheit der Männer verängstigt. Es gab keine neue Definition
von Männlichkeit jenseits der Cowboys, Machos und Manager. Und gerade
sensible Männer hatten gelernt, daß diese Typen megaout sind.
In dieses Kuddelmuddel von alten
und neuen Rollenerfahrungen wurden auch in den 70er und 80er Jahren
Kinder hineingeboren. Wie mag das wohl für kleine Jungs gewesen sein,
die bei powervollen, gerade emanzipierten Mütter aufwuchsen, die
unglaublich viel schafften und bewegten, die ihre Kinder mit zu Demos
nahmen, Ferien in Frauencamps veranstalteten, alles Männliche ablehnten!
– Verknüpft mit den Mißverständnissen der antiautoritären Erziehung, die
versäumte, Grenzen zu setzen und ebenfalls unter dem Motto agierte:
Gefühle müssen raus. Egal wann, wo, gegen wen und zu wessen Schaden! Wer
Spinat spuckte wurde quasi als selbstbestimmt bejubelt. Alles war
erlaubt. Diese Erziehung war ein Kind ihrer Zeit, ein Gegenprinzip zu
der Autoritätshörigkeit, die soviel Elend in so vielen Staaten gestiftet
hat – besonders in Deutschland. Sie war auch eine Ablösung des
vermeintlich männlichen Prinzips durch das weibliche. Männlich bedeutete
Strenge, Prinzipien und Gehorsam, weiblich hieß: Gefühle, Offenheit,
Grenzenlosigkeit. Dass man hier wieder den eigentlich so verhassten
Klischees aufsaß, fiel niemandem auf.
Diese Kinder erlebten eine nie
zuvor da gewesene Freiheit. Doch zu viel Freiheit ist nicht nur für
Erwachsene bedrohlich und ängstigend. Wenn Leitlinien, Lebensmuster,
Grenzen täglich selbst gesucht werden müssen, kann das zu tiefer
emotionaler Verunsicherung führen. Für Kinder manchmal mit fatalen
Folgen: Sie müssen sich zu früh gross machen, quasi aufplustern, um
diese schwierigen Aufgaben der Freiheit und des leeren Raumes zu füllen.
Nicht selten verausgaben sie sich und werden völlig lustlos.
Kleine Mädchen konnten sich noch
bestenfalls an die Power ihrer Mütter anschließen und sich z.T. damit
identifizieren, sie loteten diese Freiheiten für sich aus, wurden zu den
kecken Girlies der 90er Jahre, für die die Errungenschaften der
Frauenbewegung selbstverständlich sind. Doch oftmals mutierten sie zu
unzufriedenen, narzißtisch verliebten, ewig gekränkten, zickigen jungen
Frauen, die nörgeln und flunschen, wenn die Welt nicht so will wie sie
wollen.
Auch kleine Jungen wurden
von diesen frisch emanzipierten Müttern, die jegliches Spielauto als
männlich geprägtes Spielzeug ablehnten und die Krise bekamen, wenn ihre
Söhnchen aus einem Stock ein Gewehr schnitzten, mit der neu errungenen
emotionalen Offenheit überschüttet. Die Jungen hörten die nächtlichen
Diskussionen und erlebten die z.T. erbitterten bis aufs Blut kränkenden
Argumente zwischen Frauen und Männern.
Und was tun Jungs, denen von
überbordenden omnipotenten Mütter ständig signalisiert wird: Sei mein
Sohn, aber werde bitte kein Mann! Ihnen bleibt in vielen Fällen nichts
anderes übrig als die Ohren zuzuklappen und sich durch Rückzug zu
schützen. Rückzug ins Schweigen, Rückzug auf die gerade noch männlichen
Bereiche wie Computer, Gangs und Coolness.
Inzwischen sind wir feministisch
heftigen jungen Frauen der 70er Jahre im mittleren Alter, lachend und
kichernd erinnern wir uns an diese „Geschlechterkriegszeiten“.
Doch manchmal bleibt mir das
Kichern im Halse stecken und ich frage mich: Was haben wir damals
angerichtet?
Als Therapeutin erschreckt mich
die Unzufriedenheit der Jüngeren: Weder mit noch ohne Mann, weder in der
Ehe noch außerhalb sind sie zufrieden oder suchen gemeinsam nach neuen
Lösungen. Viele dieser fabelhaft ausgebildeten jungen Frauen zernörgeln
ihr Leben, zernörgeln ihre Liebesbeziehungen. Natürlich wollen sie den
neuen Mann, der über Gefühle reden kann – aber bloß keinen Softie.
Einen, der die unangenehmen Dinge des Lebens erledigt: Rasenmähen,
Steuererklärung, Wände streichen. Trotzdem heißt es: Die Männer
heutzutage taugen einfach nichts. Fragt man, was sie konkret am
jeweiligen Mann auszusetzen haben, kommen keine nennenswerte Vorwürfe,
sondern nur undifferenziertes Grummeln.
Und dann höre ich immer wieder
von Männern, die sich zuhause nicht mehr piep zu sagen trauen. Einige
Beispiele:
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Eine Frau hat einen Liebhaber, der zu Besuch kommt. Sie verlangt von
ihrem Ehemann, dass er für das Wochenende auf den Dachboden zieht. Er
protestiert ein mal und überläßt anschließend dem Liebhaber das Ehebett!
–Als Therapeutin frage ich ihn, warum er den Mann nicht seines Hauses
verwiesen hat? Seine völlige Negierung der eigenen Rechte macht mich
fassungslos!
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Oder: Ein anderer Patient, 32 Jahre alt: Er bezahlt 60 % der Miete für
seine Wohnung. Seine Freundin hat gegen seinen nur schwachen Widerstand
seit 9 Monaten ihre Schwester mit aufgenommen, die beiden Frauen zahlen
nur jeweils 20 %. Als die Freundin in die Wohnung einzog, bestand sie
außerdem darauf, dass alles nach ihrem Geschmack eingerichtet wurde.
Seine Möbel wurden rausgeschmissen. Auf die Frage, wo er sich denn wohl
fühlen würde in der eigenen, 120 qm grossen Wohnung, sagt er: Auf dem
Balkon, denn dort hätte sie nichts verändert.
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Oder: Eine Frau hat einen Liebhaber aber keinen Führerschein! Ergo fährt
ihr Mann sie zum Liebhaber, bleibt dort 2 Stunden im Wagen sitzen bis
sie fertig ist und fährt sie wieder heim! Dieser Ehemann hatte die
beiden Kinder in den ersten 6 Jahren aufgezogen, da er als Lehrer eine
Halbtagsstelle ergattern konnte. Doch bei drei Kollegen passierte etwas,
wovor er sich fürchtet: Obwohl sie die meiste Erziehungsarbeit
leisteten, wurden die Kinder nach der Scheidung den jeweiligen Frauen
zugesprochen. Mein Patient, der eine alleinstehende Mutter hatte und
diese emotional bedienen mußte, hat nur eine einzige Alternative im
Repertoire: Das zu tun was Frauen wollen! Denn seine Kinder will er um
keinen Preis verlieren.
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Oder: Ein Anwalt, kinderlos, macht die Steuerklärung für sich und seine
Frau. Seit 10 Jahren. Es dauert jedesmal zwei volle Wochenenden. Auf
meine Frage: Und was macht Ihre Frau an diesen beiden Wochenenden? kommt
die Antwort: Sie quengelt und nörgelt, weil ich für sie keine Zeit habe!
– Sein Frau spricht keinen Dank aus, kocht ihm kein extra schön Essen,
belohnt ihn nicht mit Karten für sein Lieblingskonzert! Er fand es
normal! Er kannte ja nichts anderes!
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Oder: eine schlechte Ehe. Die Frau entnimmt in 10 Jahren vom gemeinsamen
Konto 700 000 DM für ihre
rauschhaften, sinnlosen Einkäufe: Er traut sich nicht ihr das Konto zu sperren und ihr nur
begrenztes Haushaltsgeld zu überweisen...Er ruiniert sich sehenden Auges finanziell bis an
sein Lebensende.
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Oder: Ein Ehepaar und zwei Kinder. Die Frau hat keine Lust als Lehrerin
zu arbeiten, buddelt lieber in ihrem Garten und segelt mit den Kindern
auf der Elbe. Aber ihr Mann, der einen ungeliebten Job hat, muß abends
noch die Wäsche aufhängen, staubsaugen und am Wochenende nicht nur das
Haus reparieren, sondern auch noch putzen. Und sieht deswegen seine
Kinder zu wenig, was sie ihm vorhält! Sie fühlt sich im Recht. Ich
verpflichte sie in der Paartherapie, die anfallenden Familienarbeiten
akribisch aufzulisten. Es stellt sich heraus, dass sie die
außerhäusliche Arbeit des Mannes völlig negiert, als würde er nicht mit
seinen 8 Stunden täglich den Löwenanteil an der Familienarbeit
erbringen. Denn die unangenehmen Haushaltsarbeiten schafft sie in 3
Stunden. Sein Anteil liegt insgesamt bei 70 Prozent. Aber sie hat immer
das Gefühl mehr zu machen. Welch Realitätsverlust!
- Oder: Elisa, 30 Jahre alt,
gestaltet nicht nur die Wohnungseinrichtung mit Blümchen, Deckchen, Kerzen und ihren
weiblichen Farben, nein sie taucht das Schlafzimmer total in Rosenmuster. Thomas, ihr
Mann, sagt nichts, aber wird impotent, denn er haßt diese rosa Farben und dieses ewige Gerüsche! Er fühlt sich seiner Männlichkeit beraubt, er hat buchstäblich keinen Raum
im eigenen Haus außer einer Bastelecke in der kalten Garage. Da er sich nicht wirklich
zu artikulieren getraut, streikt sein Körper und seine Männlichkeit.
Wie konnte es
dazu kommen?
Warum gibt es so viele duldsame,
verstummte Männer? Warum gibt es so viele Frauen, die ihre Männer als zu
erziehende Versager behandeln, obwohl sie sich doch ursprünglich ein
gleichberechtigtes Gegenüber gewünscht haben? Was haben wir Frauen
falsch gemacht?
So wie die 68er Generation sich
moralisch erhob und aggressiv nach der Schuld der Elterngeneration
fragte, haben wir feministischen Frauen bei unserem Kampf für unsere
Rechte völlig übersehen, dass zwar die Welt in der Hand von Männern ist,
doch diese Männermacht sich nur bei einem geringen Prozent von ihnen
zentriert. Die anderen 99 Prozent der Männer sind, wie wir Frauen,
ebenso abhängig von ihrem Boß, den Männern der Wirtschaft und des
Militärs, der Gewerkschaften und der Kirche, von all den männlichen
Machthabern auf so vielen Stufen der Gesellschaft.
Wir haben weiterhin buchstäblich
übersehen, dass Männer auch leiden. Wir Frauen machen bis heute den
Fehler, immer nur uns als Opfer zu sehen. Nach dem Motto: Ich leide,
also bin ich – das geheime Thema vieler Talkshows.
Doch die Mehrheit der Männer
haben ebenfalls immer gelitten, nur nicht so lautstark wie wir Frauen
heute: Als Jäger waren sie zu Urzeiten nicht weniger gefährdet als die
Sammlerin, als Bauer hinter dem Ochsengespann und beim Baumfällen sind
nicht weniger Männer tödlich verunglückt wie im Wochenbett die Frauen
gestorben. In den USA erleiden 95 % der tödlichen Berufsunfälle Männer,
weil sie fast zu 100% der so genannten „Todesberufe“ ausüben.
Natürlich wollten wir die Hälfte
der Welt, doch keineswegs unbedingt ins Bergwerk, an den Hochofen, zur
Müllabfuhr oder zum Schneeräumdienst. Die amerikanischen Soldatinnen
werden zu Friedenszeiten den männlichen Kollegen gleichgestellt,
fabelhaft. Doch zu Kriegszeiten müssen sie keineswegs an die vorderste
Front, dort wo scharf geschossen wird!
In dem Zusammenhang zurück zu
der Frage: Warum gibt es so viele duldsame Männer? Dazu
Vier Thesen und eine Forderung:
1. These: Männer mussten,
wie zu allen Zeiten, auch im 20. Jahrhundert ihre Köpfe für den
Staat, für politische Zwecke hinhalten , und zwar in den Schlachten
des 1. und 2. Weltkrieges. Ohne eigene Entscheidungsgewalt, stumm,
ausgeliefert, verzweifelt harrten sie aus, wurden millionenfach
angeschossen, erschossen oder kamen in Gefangenschaft.
Heute passiert den Söhnen und
Enkelsöhnen dieser Soldaten im „Geschlechterkampf“ und im „Rosenkrieg“
etwas ähnliches, wiederum leiden sie stumm, ausgeliefert und
verzweifelt. Es gibt offensichtlich eine Wiederholung in den
Generationen, unbewusst geschieht eine Wiederkehr des Verdrängten: Wie
ihre Großväter und Väter finden sie keinerlei produktive Möglichkeiten
sich zu wehren, leiden nicht selten an nahezu selbst zerstörerischer
Passivität bzw. werden zur Passivität verdammt.
2. These:
Zu viele Kinder wachsen ohne Vater auf bzw. ohne männliche
Identifikationsfigur. Denn es gibt eine Gruppe von Menschen, die eine
andere Gruppe als sozial, emotional und charakterlich nicht für würdig
hält, z.B. mit den eigenen Kindern umzugehen.
Wir erinnern uns noch an die
50er Jahre, als Männer entscheiden durften, ob ihre Frauen außerhäuslich
arbeiten gingen, und als Frauen für zu dumm und verantwortungslos
gehalten wurden, um einen öffentlichen Bus zu chauffieren.
Heute wird normalen Vätern nach
der Scheidung tausendfach das Recht verwehrt, ihre Kinder
gleichberechtigt aufzuziehen oder sogar nur zu sehen.
Die Auswirkungen auf die
Kinder sind verheerend.
Viele
Untersuchungen weisen darauf hin, dass gerade bei den Neofaschisten und
Skinheads viele vaterverlassene Jungen zu finden sind. Sie suchen das
Männliche, doch weil keine positiven Vorbilder zu haben sind, driften
sie in die extreme Ecke ab, dorthin, wo (eine höchst fragliche)
Männlichkeit gepredigt wird.
Und was passiert mit den kleinen
Mädchen ohne präsenten Vater? Da sie den liebevollen Blick ihrer Väter
so dringend brauchen, ihn aber zu selten bekommen, bleibt ihnen nur der
Spiegel übrig, in dem sie sich ständig drehen und wenden, immer mit der
Frage: Bin ich hübsch, bin ich liebenswert genug? Es entsteht die nicht
zu stillende Sehnsucht nach dem männlichen Blick. Doch auch der
aufmerksamste Liebhaber, die grösste Attraktivität und die artifizielle
Kunst eines Schönheitschirurgen können diese tiefe Kindersehnsucht nach
Vaters Blick nicht stillen! Also werden Frauen wieder zickig, doktern an
ihrem Äußeren herum und stellen die Männer als Versager hin, obwohl es
keineswegs deren Schuld ist, dass Frauen so selten emotional satt
werden.
Frage ich als Therapeutin nach
dem generationenübergreifenden Mustern, stellt sich oftmals heraus, dass
in diesen Familien seit dem 2. oder sogar dem 1.Weltkriege nie wirklich
ein Mann zu Hause war: Entweder waren sie jung gefallen, vermißt, kamen
krank aus den Kriegen zurück oder waren nicht erwünscht. Männer:
Unbekannte Wesen. Genauso unbekannt wie die Möglichkeiten eines
erfüllten Zusammenlebens.
3. These: Schweigen erzeugt Schweigen und damit auch
Verschweigen. Ein Teufelskreislauf.
Erinnern wir uns daran, wie wir
damals versuchten die Sprachlosigkeit zu überwinden, weil sie uns
schwach gemacht hat. Mühsam haben wir in kleinen Schritten gelernt, uns
öffentlich und privat zu Gehör zu bringen, denn Schweigen bedeutete
Bedeutungs- und Einflußlosigkeit. Und wenn es heute die Männer sind, die
schweigen und dulden, ist es eigentlich kein Wunder, dass viele Frauen
sie so behandeln, als seien sie nicht ernst zu nehmen. Was diese
wiederum mit Schweigen beantworten.
Wenn ich als Therapeutin genauer
nachfrage, zeigt sich auch hier, dass das Schweigen in der Familie oft
Tradition hat. Nicht selten kommt dabei ein anderes Verschweigen zutage:
Da wurden eine Volks- oder Religionszugehörigkeit oder Verstrickungen im
Faschismus verschwiegen, da wurden Verschleppte oder Verhaftete niemals
wieder erwähnt, da wurden Tote aus den seltsamsten Gründen
totgeschwiegen. Und in sehr vielen Fällen: Kamen die Männer zerschossen
und psychisch zerbrochen aus dem Krieg zurück, wurden sie keineswegs als
Helden, vielmehr als Versager empfangen. Auch über diese Scham haben sie
nie gesprochen.
Das waren die Väter oder
Grossväter. Und ihre Söhne und Enkel, die heute zwischen 30 und 50
Jahren alt sind, haben oftmals diese Muster übernommen.
4. These. Das Weibliche
hat in den Ehen und Familien, in Kindergärten, Schulen und im
therapeutischen Bereich gesiegt.
Nicht nur in den Familien geben
Frauen oft die Regeln des Zusammenlebens vor, sondern auch in den
meisten Kindergärten und Schulen. Diese weibliche Übermacht hat auch
Auswirkungen auf die Gestaltung von Lehrplänen und Vermittlungsformen.
Denn irgendeinen Grund muss es ja geben, wenn an Gymnasien, wo über
Jahrzehnte Jungen in der Mehrheit waren, die Zahl auf 45,6 Prozent
geschrumpft ist. An Sonderschulen sind Jungen mit 63,7 Prozent
überrepräsentiert. Und betrachtet man die Pisa-Studie, so fällt auf,
dass die Jungen weltweit bedeutend schlechter abschneiden als die
Mädchen.
Gilt also das alte Vorurteil,
dass Mädchen dümmer sind, in Wirklichkeit für die Jungen?
Natürlich nicht! Die Mädchen
kommen einfach besser mit den Anforderungen der Schule und den
Veränderungen der Umwelt klar: Gefordert sind in der heutigen Schul und
Arbeitswelt Flexibilität, Kommunikation, soziale Intelligenz und nicht
aggressives Durchsetzungsvermögen und unnachgiebige Meinungsfreudigkeit.
Der Sportunterricht, in dem Jungen ihre Vitalität und Kraft unter Beweis
stellen konnten, ist unwichtiger geworden ebenso alles Manuelle, der
Lesestoff orientiert sich mehr an Themen, die Mädchen interessieren. Und
auch in der Freizeit leiden Jungen mehr als Mädchen unter dem
verschwindenden Raum zum Spielen. Ihrem Bewegungsdrang können sie nur
noch auf kleinen eingezäunten Spielplätzen nachgehen: Sie fühlen sich
wie eingesperrte Raubtiere.
Eine Forderung: Wir Frauen
müssen begreifen, dass wir nicht mehr das schwache Geschlecht sind. Wir
sollten unsere Werte nicht zum Maß aller Dinge machen. Auch müssen
wir noch etliche Aspekte unserer Geschichte aufarbeiten. Leider die
negativen. Erst sehr wenige Frauen haben begonnen, unsere Täteranteile
im Alltag zu reflektieren, die weiblichen Aspekte am Faschismus zu
durchleuchten, unsere spezielle Art der Aggression aufzudecken. Bisher
war es noch leicht und ziemlich angenehm, den Männern alles Böse der
Welt in die Schuhe zu schieben und uns als Hüterinnen des Wahren, Guten,
Schönen zu empfinden.
Tabuisiert wird z.B. ganz
konkret die Wut der Jugendlichen auf ihre Mütter, die ihnen den Kontakt
zum Vater versagen oder ihn mit ihrer Dominanz so geschwächt haben, dass
er verstummt ist ! Doch diese Wut kann nur schwer ausgedrückt werden,
wenn die Mutter das einzige Elternteil ist, sich nicht selten als
Freundin besonders ihrer Töchter inszeniert und dadurch den
Emanzipationsprozeß verunmöglicht. Noch ein Tabu: Gewalt von Frauen an
ihren Kindern. Meine Patienten haben dutzendfach unter mütterlicher
Gewalt gelitten, physischer wie psychischer!
Was tut not? Eine neue
Definition von positiver Männlichkeit, von guter, kreativer
Väterlichkeit, eine neue Diskussion um Frauen- und Männerrollen.
Das Pendel, welches wir Frauen
notwendigerweise in die eine Richtung haben extrem ausschlagen lassen,
sollte eine neue Balance finden können. Doch dazu müssen die Männer
ihren Mund aufmachen, ihre Angst vor Frauen überwinden und zu einer
eigenen, neuen Kraft gelangen! Auch Sozialarbeiter und Familienrichter,
Gesetzgeber und Politiker.
Es geht um eine neue
Emanzipationsbewegung. Die der Frauen ist zwar noch lange nicht beendet
und hat, wie jede heftige Bewegung, heftige Unruhe verursacht. Jetzt
sind die Männer dran sich zu befreien, um eine neue Mitte für sich
selbst zu finden: Jenseits vom Macho, aber auch jenseits vom großen
Dulder.
Die Emanzipation der Frau war
und ist eine Chance für die Menschen, für weibliche und männliche und
für Kinder sowieso. Die Emanzipation der Männer wird ebenfalls eine
Chance sein – für uns alle. Ein mühsamer, aber auch lustvoller Weg, den
wir nur gemeinsam beschreiten können. Wir, Männer und Frauen
miteinander, nicht gegeneinander.
Astrid v. Friesen, Jg.
1953, ist Diplom-Pädagogin, hat Praxen als Gestalt- und
Trauma-Therapeutin in Dresden und Freiberg, unterrichtet an der
Universität Freiberg und arbeitet als Journalistin und Autorin. Die
beiden letzten ihrer acht Bücher heißen:
„Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation
deutscher Vertriebener“ (Psychosozialverlag 2000) sowie
„Von
Aggression bis Zärtlichkeit. Das Erziehungslexikon“ (Kösel
2003).
Im Frühjahr wird im MUT-Verlag
ein Buch zu der oben angerissenen Männer- und Frauenproblematik
erscheinen!
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