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Die
persönlichen Reflektionen einer
Journalistin und Therapeutin über
ihre Vergangenheit als aufmüpfige,
linke und feministische junge Frau
und die Folgen dieses
Emanzipationskampfes: auf der
positiven Seite mehr
Gleichberechtigung, größere
Freiheiten, starke Präsenz in der
Öffentlichkeit, auf der negativen
Seite viel Leid in den Beziehungen,
die Aussonderung der Väter aus den
Familien und in der Generation der
30-Jährigen viele devote,
verängstigte Männer, die stumm
leiden. Astrid von Friesen geht der
Frage nach: Was haben wir Frauen
falsch gemacht, wie ist es zu dieser
Verunsicherung der Männer und zu der
nörgelnden Unzufriedenheit vieler
Frauen gekommen und was können wir
für eine Emanzipation beider
Geschlechter tun. |
Wie konnte es dazu
kommen?
Warum gibt es so
viele duldsame, verstummte Männer? Warum gibt es
so viele Frauen, die ihre Männer als zu
erziehende Versager behandeln, obwohl sie sich
doch ursprünglich ein gleichberechtigtes
Gegenüber gewünscht haben? Was haben wir Frauen
falsch gemacht?
So wie die 68er
Generation sich moralisch erhob und aggressiv
nach der Schuld der Elterngeneration fragte,
haben wir feministischen Frauen bei unserem
Kampf für unsere Rechte völlig übersehen, dass
zwar die Welt in der Hand von Männern ist, doch
diese Männermacht sich nur bei einem geringen
Prozent von ihnen zentriert. Die anderen 99
Prozent der Männer sind, wie wir Frauen, ebenso
abhängig von ihrem Boß, den Männern der
Wirtschaft und des Militärs, der Gewerkschaften
und der Kirche, von all den männlichen
Machthabern auf so vielen Stufen der
Gesellschaft.
Wir haben weiterhin
buchstäblich übersehen, dass Männer auch leiden.
Wir Frauen machen bis heute den Fehler, immer
nur uns als Opfer zu sehen. Nach dem Motto: Ich
leide, also bin ich – das geheime Thema vieler
Talkshows.
Doch die Mehrheit
der Männer haben ebenfalls immer gelitten, nur
nicht so lautstark wie wir Frauen heute: Als
Jäger waren sie zu Urzeiten nicht weniger
gefährdet als die Sammlerin, als Bauer hinter
dem Ochsengespann und beim Baumfällen sind nicht
weniger Männer tödlich verunglückt wie im
Wochenbett die Frauen gestorben. In den USA
erleiden 95 % der tödlichen Berufsunfälle
Männer, weil sie fast zu 100% der sogenannten
„Todesberufe“ ausüben.
Natürlich wollten
wir die Hälfte der Welt, doch keineswegs
unbedingt ins Bergwerk, an den Hochofen, zur
Müllabfuhr oder zum Schneeräumdienst. Die
amerikanischen Soldatinnen werden zu
Friedenszeiten den männlichen Kollegen
gleichgestellt, fabelhaft. Doch zu Kriegszeiten
müssen sie keineswegs an die vorderste Front,
dort wo scharf geschossen wird!
In dem Zusammenhang
zurück zu der Frage: Warum gibt es so viele
duldsame Männer? Dazu
Vier Thesen und eine Forderung:
1.
These: Männer mussten,
wie zu allen Zeiten, auch im 20. Jahrhundert
ihre Köpfe für den Staat, für politische Zwecke
hinhalten , und zwar in den Schlachten des 1.
und 2. Weltkrieges. Ohne eigene
Entscheidungsgewalt, stumm, ausgeliefert,
verzweifelt harrten sie aus, wurden
millionenfach angeschossen, erschossen oder
kamen in Gefangenschaft.
Heute passiert den
Söhnen und Enkelsöhnen dieser Soldaten im
„Geschlechterkampf“ und im „Rosenkrieg“ etwas
ähnliches, wiederum leiden sie stumm,
ausgeliefert und verzweifelt. Es gibt
offensichtlich eine Wiederholung in den
Generationen, nbewusst geschieht eine Wiederkehr
des Verdrängten: Wie ihre Großväter und Väter
finden sie keinerlei produktive Möglichkeiten
sich zu wehren, leiden nicht selten an nahezu
selbstzerstörerischer Passivität bzw. werden zur
Passivität verdammt.
2. These:
Zu viele Kinder wachsen ohne Vater auf bzw. ohne
männliche Identifikationsfigur. Denn es gibt
eine Gruppe von Menschen, die eine andere Gruppe
als sozial, emotional und charakterlich nicht
für würdig hält, z.B. mit den eigenen Kindern
umzugehen.
Wir
erinnern uns noch an die 50er Jahre, als Männer
entscheiden durften, ob ihre Frauen
außerhäuslich arbeiten gingen, und als Frauen
für zu dumm und verantwortungslos gehalten
wurden, um einen öffentlichen Bus zu
chauffieren.
Heute
wird normalen Vätern nach der Scheidung
tausendfach das Recht verwehrt, ihre Kinder
gleichberechtigt aufzuziehen oder sogar nur zu
sehen.
Die
Auswirkungen auf die Kinder sind verheerend.
Viele
Untersuchungen weisen darauf hin, dass gerade
bei den Neofaschisten und Skinheads viele
vaterverlassene Jungen zu finden sind. Sie
suchen das Männliche, doch weil keine positiven
Vorbilder zu haben sind, driften sie in die
extreme Ecke ab, dorthin, wo (eine höchst
fragliche) Männlichkeit gepredigt wird.
Und was
passiert mit den kleinen Mädchen ohne präsenten
Vater? Da sie den liebevollen Blick ihrer Väter
so dringend brauchen, ihn aber zu selten
bekommen, bleibt ihnen nur der Spiegel übrig, in
dem sie sich ständig drehen und wenden, immer
mit der Frage: Bin ich hübsch, bin ich
liebenswert genug? Es entsteht die nicht zu
stillende Sehnsucht nach dem männlichen Blick.
Doch auch der aufmerksamste Liebhaber, die
grösste Attraktivität und die artifizielle Kunst
eines Schönheitschirurgen können diese tiefe
Kindersehnsucht nach Vaters Blick nicht stillen!
Also werden Frauen wieder zickig, doktern an
ihrem Äußeren herum und stellen die Männer als
Versager hin, obwohl es keineswegs deren Schuld
ist, dass Frauen so selten emotional satt
werden.
Frage
ich als Therapeutin nach dem
generationenübergreifenden Mustern, stellt sich
oftmals heraus, dass in diesen Familien seit dem
2. oder sogar dem 1.Weltkriege nie wirklich ein
Mann zu Hause war: Entweder waren sie jung
gefallen, vermißt, kamen krank aus den Kriegen
zurück oder waren nicht erwünscht. Männer:
Unbekannte Wesen. Genauso unbekannt wie die
Möglichkeiten eines erfüllten Zusammenlebens.
3. These: Schweigen
erzeugt Schweigen und damit auch Verschweigen.
Ein Teufelskreislauf.
Erinnern wir uns
daran, wie wir damals versuchten die
Sprachlosigkeit zu überwinden, weil sie uns
schwach gemacht hat. Mühsam haben wir in kleinen
Schritten gelernt, uns öffentlich und privat zu
Gehör zu bringen, denn Schweigen bedeutete
Bedeutungs- und Einflußlosigkeit. Und wenn es
heute die Männer sind, die schweigen und dulden,
ist es eigentlich kein Wunder, dass viele Frauen
sie so behandeln, als seien sie nicht ernst zu
nehmen. Was diese wiederum mit Schweigen
beantworten.
Wenn ich als
Therapeutin genauer nachfrage, zeigt sich auch
hier, dass das Schweigen in der Familie oft
Tradition hat. Nicht selten kommt dabei ein
anderes Verschweigen zutage: Da wurden eine
Volks- oder Religionszugehörigkeit oder
Verstrickungen im Faschismus verschwiegen, da
wurden Verschleppte oder Verhaftete niemals
wieder erwähnt, da wurden Tote aus den
seltsamsten Gründen totgeschwiegen. Und in sehr
vielen Fällen: Kamen die Männer zerschossen und
psychisch zerbrochen aus dem Krieg zurück,
wurden sie keineswegs als Helden, vielmehr als
Versager empfangen. Auch über diese Scham haben
sie nie gesprochen.
Das waren die Väter
oder Grossväter. Und ihre Söhne und Enkel, die
heute zwischen 30 und 50 Jahren alt sind, haben
oftmals diese Muster übernommen.
4.
These. Das Weibliche
hat in den Ehen und Familien, in Kindergärten,
Schulen und im therapeutischen Bereich gesiegt.
Nicht nur in den
Familien geben Frauen oft die Regeln des
Zusammenlebens vor, sondern auch in den meisten
Kindergärten und Schulen. Diese weibliche
Übermacht hat auch Auswirkungen auf die
Gestaltung von Lehrplänen und
Vermittlungsformen. Denn irgendeinen Grund muss
es ja geben, wenn an Gymnasien, wo über
Jahrzehnte Jungen in der Mehrheit waren, die
Zahl auf 45,6 Prozent geschrumpft ist. An
Sonderschulen sind Jungen mit 63,7
Prozent überrepräsentiert. Und betrachtet man
die Pisa-Studie, so fällt auf, dass die Jungen
weltweit bedeutend schlechter abschneiden als
die Mädchen.
Gilt also das alte
Vorurteil, dass Mädchen dümmer sind, in
Wirklichkeit für die Jungen?
Natürlich nicht! Die Mädchen
kommen einfach besser mit den Anforderungen der
Schule und den Veränderungen der Umwelt klar:
Gefordert sind in der heutigen Schul und
Arbeitswelt Flexibilität, Kommunikation, soziale
Intelligenz und nicht aggressives
Durchsetzungsvermögen und unnachgiebige
Meinungsfreudigkeit. Der Sportunterricht, in dem
Jungen ihre Vitalität und Kraft unter Beweis
stellen konnten, ist unwichtiger geworden ebenso
alles Manuelle, der Lesestoff orientiert sich
mehr an Themen, die Mädchen interessieren. Und
auch in der Freizeit leiden Jungen mehr als
Mädchen unter dem verschwindenden Raum zum
Spielen. Ihrem Bewegungsdrang können sie nur
noch auf kleinen eingezäunten Spielplätzen
nachgehen: Sie fühlen
sich wie eingesperrte Raubtiere.
Eine Forderung: Wir
Frauen müssen begreifen, dass wir nicht mehr das
schwache Geschlecht sind. Wir sollten unsere
Werte nicht zum Maß aller Dinge machen. Auch
müssen wir noch etliche Aspekte unserer
Geschichte aufarbeiten. Leider die negativen.
Erst sehr wenige Frauen haben begonnen, unsere
Täteranteile im Alltag zu reflektieren, die
weiblichen Aspekte am Faschismus zu
durchleuchten, unsere spezielle Art der
Aggression aufzudecken. Bisher war es noch
leicht und ziemlich angenehm, den Männern alles
Böse der Welt in die Schuhe zu schieben und uns
als Hüterinnen des Wahren, Guten, Schönen zu
empfinden.
Tabuisiert wird z.B.
ganz konkret die Wut der Jugendlichen auf ihre
Mütter, die ihnen den Kontakt zum Vater versagen
oder ihn mit ihrer Dominanz so geschwächt haben,
dass er verstummt ist ! Doch diese Wut kann nur
schwer ausgedrückt werden, wenn die Mutter das
einzige Elternteil ist, sich nicht selten als
Freundin besonders ihrer Töchter inszeniert und
dadurch den Emanzipationsprozeß verunmöglicht.
Noch ein Tabu: Gewalt von Frauen an ihren
Kindern. Meine Patienten haben dutzendfach unter
mütterlicher Gewalt gelitten, physischer wie
psychischer!
Was tut not? Eine
neue Definition von positiver Männlichkeit, von
guter, kreativer Väterlichkeit, eine neue
Diskussion um Frauen- und Männerrollen.
Das Pendel, welches
wir Frauen notwendigerweise in die eine Richtung
haben extrem ausschlagen lassen, sollte eine
neue Balance finden können.
Doch
dazu müssen die Männer ihren Mund aufmachen,
ihre Angst vor Frauen überwinden und zu einer
eigenen, neuen Kraft gelangen! Auch
Sozialarbeiter und Familienrichter, Gesetzgeber
und Politiker.
Es geht
um eine neue Emanzipationsbewegung. Die der
Frauen ist zwar noch lange nicht beendet und
hat, wie jede heftige Bewegung, heftige Unruhe
verursacht. Jetzt sind die Männer dran sich zu
befreien, um eine neue Mitte für sich selbst zu
finden: Jenseits vom Macho, aber auch jenseits
vom großen Dulder.
Die
Emanzipation der Frau war und ist eine Chance
für die Menschen, für weibliche und männliche
und für Kinder sowieso. Die Emanzipation der
Männer wird ebenfalls eine Chance sein – für uns
alle. Ein mühsamer, aber auch lustvoller Weg,
den wir nur gemeinsam beschreiten können. Wir,
Männer und Frauen miteinander, nicht
gegeneinander. |